Wir : Lebens(t)räume und Grundgedanken
Donnerstag, 29. September 2022 - 08:58 Uhr



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Hof mit Himmel - Gut Buchholz e.V.

Lebens(t)räume und Grundgedanken

Wenn Du ein Schiff bauen willst, dann trommle nicht Männer zusammen um Holz zu beschaffen, Aufgaben zu vergeben und die Arbeit einzuteilen, sondern lehre die Männer die Sehnsucht nach dem weiten, endlosen Meer.[1]

 

1.1. Vorwort/ Ausgangssituation: Grundgedanken und Zielformulierungen

Der Traum der Verfasserin, die es zu verwirklichen gilt besteht in der Vorstellung, sich eines Tages mal selbstständig zu machen mit einem >Begegnungshof< für Menschen mit Behinderungen.

Z.B. gibt es in von dem Landesverband der Lebenshilfe Nordrhein- Westfalen zwei Ausflugslokale in denen Menschen mit Behinderung arbeiten. Zum Einen das >Waldschlösschen<, auf das ich später näher eingehen werde und zum anderen ein Restaurant und einen Kiosk an der >Müngstner Brücke<, eine exponierte Lage an einem typischen und viel frequentierten Ausflugsziel für „Einheimische“ und Touristen.

Die Verfasserin denkt dabei an einen >Begegnungshof< mit einem Ausflugslokal, z.B. in Neuengamme oder um und bei Bautzen, um der geschichtlichen Destruktivität dieser Orte ein Konstruktives Ausrufungszeichen der Gegenwart gegenüberzustellen. Frei dem Motto: „Seht her, was gerade diese Menschen - WIR- können!“

Dabei plant die Verfasserin nicht nur ein Ausflugslokal im Sinne des Stadthaushotels- auch darauf wird später noch eingegangen werden, sondern eine grundlegenden Konzepterweiterung um die landwirtschaftliche und therapeutische Arbeit mit Tieren, so dass in ihren Vorstellungen interdisziplinäre Vernetzungen und Verzahnungen eine große Rolle spielen.

Da Höfe, gerade in der Gegend um Bautzen häufig sehr renovierungsbedürftig sind, aber man von dem Amt für Denkmalschutz ggf. bis zu 80% der Kosten ersetzt bekommen kann, könnte man schon die Wiederherstellung der baulichen Substanz nutzen, zur Integrierung des Hofes in sein soziales Umfeld. Indem man z.B. aus der Arbeit ein Event macht, man die Nachbarschaft einlädt zum mithelfen und anschließendem Feiern des „Richtfestes“, bzw. und oder zum gemeinsamen Grillen, als Dank für die Mithilfe. So könnte man den Hof dem sozialen und gewachsenen Umfeld nicht überstülpen, was zu Akzeptanz- und Integrationsproblemen desselben führen kann (z.B. Die Wohnungspolitik der Stiftung Alsterdorf.). Sondern der Hof wird von Anfang an von allen auch genutzt, integriert und als was Positives empfunden. Diese Positive Ver- Bindung zum Hof möchte die Autorin dadurch verstärken, dass am Anfang der Arbeit dort, eine Einladung steht, zum gemeinsamen „Hoffnung pflanzen“, in Form von Apfelbäumen, nach dem Lutherzitat: „Und wenn ich wüsste, dass Morgen die Welt untergeht, ich würde Heute noch ein Apfelbäumchen pflanzen.“ Für diese „Bäume der Hoffnung“, die in ihrer Gesamtheit einen „Garten der Hoffnung“ bilden können sollen Patenschaften möglich sein. D.h. dass Menschen für einen kleineren Betrag eine Baumpatenschaft mit späterer Erntebeteiligung übernehmen können- in Form einer Urkunde zum Beispiel. Als Baumpaten können sie ihre Hoffnungen und Träume aufschreiben und z.B. in einer kleinen Dose zu ihrem Bäumchen dazu pflanzen. Sie pflanzen die Bäume in den „Garten der Hoffnung“ und bekommen dabei die kompetente Hilfe von „Überraschungsgästen“- der Gartengruppe einer Werkstatt für Menschen mit Behinderungen. Die Verfasserin hat die Erfahrung gemacht, dass, wenn Menschen mit Behinderung angekündigt werden, eben meist nur sozial eingestellte Menschen dazu kommen, während die, bei denen sich diverse Vorurteile standhaft halten, von vorneherein der Konfrontation mit der Wirklichkeit- einem Zusammentreffen- aus dem Weg gehen. Aber gerade diese Menschen, die mit diversen Vorurteilen gegenüber den Menschen mit Handicap behaftet sind, sollen erfahren können, dass es eben Vorurteile sind und diese, ihre Vorurteile zu oft nichts mit der Wirklichkeit zu tu haben. Wenn z.B. ein Mensch diese Menschen für unglaublich „dumm“ hält, dann kann er hier erfahren, dass diese Gartengruppe etwas kann, was er nicht kann- professionelles Bäume pflanzen und dass diese Menschen von daher gar nicht so „dumm“ sein können, wie er bisher immer dachte, sondern dass sie sein Wissen bzw. ihn selbst durchaus ergänzen können. Deswegen die „Überraschungsgäste“ aus der Werkstatt (WfbM). Der „Garten der Hoffnung“ kann später gut genutzt werden für Familienfeiern, wie z.B. für Hochzeiten- für alle Anlässe, bei denen Hoffnung eine tragende Rolle spielt. Man kann sich auch überlegen, wie man nach Abschluss der Pflanzaktion weiteren Menschen eine Möglichkeit bietet, auch ihre Wünsche zu „pflanzen“, sie sozusagen zu „verorten“ und zu „erden“. Um im Außenbereich zu bleiben, gehört an diese Stelle noch der Wunsch nach Tieren. Vor allen Dingen: Pferde. Die Verfasserin hat selbst Erfahrung mit diesen ganz besonderen Tieren und ihrer sprichwörtlichen Treue zu den Menschen machen dürfen und hält diese Tiere für unverzichtbar in einer sozialen-therapeutischen Einrichtung. Diese Tiere nehmen eine Beziehung auf, zu jedem Menschen, unabhängig seines sozialen Status und sie spiegeln den Menschen mit seinem Innersten, in einer ihnen eigenen Weise.

Pferde fördern die ganzheitliche Wahrnehmung des eigenen Körpers, sowie der umgebenden Natur. Sie vermitteln das Gefühl, getragen und angenommen zu werden und sorgen damit für innere und äußere Entspannung. Sie helfen dabei, Ängste zu überwinden und ein positives Selbstbild zu entwickeln und können dabei helfen, Spaß und Lebensfreude wiederzuentdecken.

Ein praktisches Beispiel aus der Arbeit der Verfasserin:

Ein verhaltensauffälliger Junge ( M. W.12Jahre), der stark zu aggressiven Handlungen neigt, da er zu Hause aus den verschiedensten Gründen den Schutzraum und den Status eines Kindes verloren hat und zum „Einzelkämpfer“ wurde, mit extremen Übergewicht- „Kummerspeck“ und „Panzerung“ zugleich, steht zum ersten Mal einem Pferd gegenüber, dass ihm in Größe und Gewicht eindeutig „über“ ist. Seine Reaktion: „Ich habe Angst!“ Gleich wird diese Äußerung überspielt mit einem Lachen und versucht zu relativieren mit Albernheit, aber er äußert sich zum ersten Mal über sich selbst. Angst ist für ein Kind, dass in seiner Familie schutzlos geworden ist, eine Grundthematik, die es zu bewältigen sucht, z.B. in einem übersteigerten Aggressionstrieb und die damit von außen als solche oft nicht mehr klar identifizierbar ist. Wenn jemand seine Angst offenbart, sucht er nach Schutz. Und so kann man einen Ansatz finden, in dem pädagogischen Bemühen darum, diesem Kind seine Rolle als Kind wiederzugeben, dass Schutz, Zuwendung, Liebe und Aufmerksamkeit braucht- im Status des Kindes- nicht des „vernünftigen Erwachsenen“.

Genaues hinhören und hinein fühlen gehört zur Grundhaltung der pädagogischen Arbeit.

Des weiteren könnte man neben der Reittherapie auch Reitunterricht und Ausritte anbieten, um die Natur „hautnah“ zu erleben. Bei den Anfängern könnten auch fortgeschrittene Menschen mit Behinderungen den Reitunterricht durchführen, was zu einem eigenen Kompetenzerleben und damit zu einem positiven Selbstbild führen kann. Nun stellt sich allerdings die Frage: Wer soll das bezahlen? Gerade die Reittherapie ist für viele „unbezahlbar“, meistens gerade dort, wo sie am meisten bewirken könnte. Man könnte Geschäftsleute fragen, ob sie Patenschaften, bzw. Sponsoring für die Tiere übernehmen würden. Dann könnte man auf den Stalltafeln, den „Namensschildern“ der Pferde vermerken: Gestiftet von z.B. „Burger King“ oder „Juwelier Christ“ etc. Diese Stiftungen könnten  mit diesem >Social Sponsoring< positiv in der Presse und Öffentlichkeit bewertet werden und dem jeweiligen Unternehmen als soziales Engagement hoch angerechnet werden.

Es wäre weiterhin möglich, mit den Pferden in soziale Brennpunkte zu gehen und so über das Tier Kontakte zu knüpfen, vor allem auch zu moslemischen Mitmenschen. Im Islam hat das Pferd eine besondere Stellung inne und je edler das Tier, desto näher ist es seinem Schöpfer- im Islam: Allah. Über diese Verbindung wäre auf dem Hof auch interkulturelle Arbeit möglich

Neben den Pferden könnten, wenn möglich, auch ein paar Kühe und Hühner, sowie Gänse gehalten werden, nach den Konzepten eines Bio-Hofes. D.h. es müsste nicht um Masse gehen um effizient zu arbeiten, sondern um Qualität und artgerechte Haltung. Wenn ein Mensch mit oder ohne "Behinderung" eine Herde Kühe auf die Weiden treibt, erlebt er nicht nur seine Kompetenz im Umgang mit den Tieren, sondern auch einen ersten Impuls eines ganz anderen Stellenwert der Anerkennung, Achtung und des Respekts, als er ihn häufig im alltäglichen gesellschaftlichen Umgang erlebt, so dass er für sich ein anderes, selbstbewussteres Auftreten entwickeln kann. Gänse könnten die perfekten „Aufpasser“ für den Hof sein und Hühner- der Eier wegen.

Von Schlachtviehhaltung ist in einem solchen Unternehmen abzuraten, da Menschen mit und ohne Behinderungen oft sehr enge, emotionale Bindungen zu den Tieren eingehen.

Neben der Tierhaltung wäre ein kleiner Bio-Hofladen eine sinnvolle Ergänzung, um den Überschuss an Tierprodukten sinnvoll weiterzugeben. Auch könnten durch eine Vielzahl von Beschäftigungsmöglichkeiten die Vielzahl von unterschiedlichen Kompetenzen bei Menschen mit Behinderungen am besten abgerufen werden.

Des weiteren hält die Verfasserin ein kleines Cafe auf dem Hof für sinnvoll, als Anziehungspunkt für Ausflügler und Ortsansässige im Rahmen der Öffentlichkeitsarbeit.

In diesem Cafe möchte sie einen großen künstlichen Baum aufstellen, wie er z.B. im >Rio Grande< an der Fuhlsbüttler Straße steht. Zum einen, wegen der Atmosphäre, die so ein Baum schaffen kann, der seine Äste durch das Cafe streckt und zum Anderen möchte die Verfasserin einen „Briefkasten“ in den Stamm des Baumes integrieren, erkennbar nur an dem Briefschlitz. In der jüdischen Tradition gilt der Granatapfelbaum als „Wunschbaum“, an dessen Äste man seine Wünsche schreibt, bzw. in schriftlich festgehaltener Form befestigt[2]. Diesem Gedanken möchte die Verfasserin insofern folgen, als dass sie die Gäste ermutigen möchte, ihre Wünsche und Träume als Brief an sich selber zu schreiben und in den „Briefkasten“ zu werfen.  Z.B. vielleicht schreibt jemand, dass er sich wünscht, Vater, bzw. Mutter zu werden, oder ein Haus zu kaufen, eine Arbeit zu bekommen etc. Diese Briefe sollen nach Ablauf einer bestimmten Frist (1Jahr?) von anderen interessierten Menschen zu ihrem Verfasser zurückgebracht werden. Dahinter steck nicht nur die Idee, der Überprüfung eigener Vorstellungen, sondern auch der Wunsch, einer gesellschaftlichen Verinselung und immer oberflächlicher werdenden Menschlichen Kontakten vorzubeugen. D.h. es wird von der Verfasserin z.B. die virtuelle Welt als eine mögliche Ursache einer Vereinsamung der Menschen  in der Realität  gesehen. Und auch die Kommunikation mit Anderen, „Fremden“ geht das Gespräch häufig über eine „Wetterdiagnose“ nicht mehr weit hinaus. Wenn jedoch ein Anderer den >Wunschbrief< an seinen Schreiber zurückbringt, gibt es wenigstens einen guten Grund, auch wenn man sich bisher noch nie gesehen hat, miteinander ins Gespräch zu kommen, wenn man will.

Des weiteren sollen in dem Cafe Bücher und Spiele zu verleihen seien, so dass man seine „Auszeit“ in diesem Ort nach eigenen Wünschen frei gestalten kann und seine Form des „Abschaltens“ wählen kann.

Ein Restaurant würde erheblich mehr Aufwand bedeuten. Jedoch könnte man an den Wochenende interkulturelle Begegnungspunkte schaffen, indem man Menschen, aus den verschiedensten Ländern bittet, ihre Speisen als Highlight und „Kurzreise“ für Alle zu bereiten.

Dies würde vermutlich für ein größeres öffentliches Interesse sorgen.

Da die Verfasserin mehrere Jahre auch die jüdische Tradition kennen gelernt hat, wäre einer ihrer weiteren Gestaltungswünsche, dass man Freitags nach Sonnenuntergang, wenn der Sabbat beginnt, die Musik einstellt und Ruhe einkehrt. Man könnte den Gästen anbieten, Schreibgespräche auf Papiertischdecken zu führen, was zwei positive Folgen haben könnte.

Zum einen, wenn Gedanken verschriftlicht werden, bemüht man sich mehr um die Ausdrucksweise und reduziert manches auf seinen wesentlichen Kern und verzichtet auf Ausschweifungen und eventuell überflüssige Ausschmückungen. Zum zweiten kann man sein Gespräch mit nach Hause nehmen, d.h. der Dialog gerät nicht nach kurzer Zeit in Vergessenheit, sondern hat die Möglichkeit in seiner Bedeutung gegenwärtig zu bleiben. Das wäre z.B. etwas sehr gutes für frisch verliebte Pärchen, die ihre Zuneigung so in ihren Alltag  mitnehmen können.

Zum Anderen braucht der Mensch auch einfach mal die Stille z.B. um sich selbst wieder zu „hören“, in sich hinein „hören“ zu können, sich, sein Innerstes Wesen bewusster wahrzunehmen , anstatt Dauerbeschallung und Reizüberflutung als „Ablenkungsmaßnahmen“ vom >Ich<.[3]

In dem von der Verfasserin erdachten Hof, befinden sich in einem Gewölbekeller weitere Räume. In diesen Räumen würde die Verfasserin gern Therapien anbieten. Warum gerade im Keller, wird die Therapie da nicht zu einem „Kellerkind“? Nein! Ein Gewölbekeller kann eine sehr heimelige Atmosphäre haben. Er vermittelt ein Gefühl von Schutz und Geborgenheit, von Intimität. Gerade diese Aspekte sind unabdingbar wichtig in Therapien, wo es darum geht, sich fallen zu lassen und dem Anderen zu öffnen. Daher würde die Verfasserin einen Gewölbekeller mit seinem Ambiente jedem modernen, kühlen, im Bauhausstil gehaltenen Therapieraum „über der Erde“ vorziehen. In diesem Gewölbekeller könnten z.B. Kunst- und Musiktherapie angeboten werden. Einen weiteren Vorteil des Kellerraumes ist, man kann durch das Cafe hineingehen, d.h. es ist von außen nicht zu sehen, ob jemand einen Kaffee trinken geht, oder eine Therapie braucht - er muss sich also nicht „öffentlich outen“. Dies hilft dabei „Schwellenängste“ abzubauen.

Auch öffentliche Veranstaltungen könnten auf dem Hof stattfinden, wie z.B. Kunsthandwerkermärkte mit WfbM Beteiligung, wo es nicht nur um die Produkte der WfbM geht und wieder nur sozial interessierte und engagierte Menschen angesprochen werden. Sondern wo neben den Produkten, „normaler“ Kunsthandwerker auch die Produkte von Menschen mit Behinderungen angeboten werden, die dem Vergleich ohne weiteres standhalten können.

Mittelalter und andere Feste könnten den Menschen zeigen, wie gern „unsere“ Menschen mit Behinderung feiern und wie ausgelassen sie fröhlich sein können. Diese Lebensfreude pur, die sie auf solchen Veranstaltungen versprühen könnte das gesellschaftliche Vorurteil des „ewig leidenden, armen Behinderten“ revidieren. Deswegen geht die Verfasserin auch mit dem Lach- und Albernheiten- Verbot des Statdhaushotels nicht konform, weil diese Lebensfreude eine oftmals wesentliche Grundhaltung der Menschen mit Behinderungen ist und jede Unterdrückung derselben hilft gesellschaftliche Vorurteile aufrecht zu erhalten. Aber das Stadthaushotel baut auf seine >Sterne<, die Verfasserin möchte auf die Mit- Menschlichkeit bauen- ohne den Ergeiz nach >Sternen< greifen zu wollen. Ergeiz ist nicht immer nur von Vorteil.

Auf einem großen Hof könnten Ferienzimmer- Pensionszimmer angeboten werden. Urlaub auf dem Bauernhof: zurück zur Natur- das kann Menschen anziehen. Zugleich bedeuten Pensionszimmer nicht Vollverpflegung und können somit eine Rundum - Versorgung und Betreuung der Gäste „ersparen“.

Es könnte auf dem Hof oder in direkter Nachbarschaft eine Wohngruppe für die angestellten Menschen mit Behinderung geben, die in allen Bereichen der Hofbewirtschaftung mitarbeiten. Oder am besten ein inklusives Wohnprojekt, wo geneigte Mitarbeiter, sei es der Gärtner oder die Küchenhilfe, Menschen von außen und Menschen mit "Behinderungen" zusammenleben können. Am besten wär ein große Hof, der eine gemischte Wohnform ermöglicht und allen gemeinsam eine geschützte Atmosphäre bietet

Zuletzt möchte die Verfasserin noch eine alte Scheune zu einer Druckerei umbauen, möglichst auch mit Hofanschluss. Die Begründung liegt darin, dass zum einen eine komplette Verzahnung, von Dienstleistung, Handwerk-Landwirtschaft und Industrie gegeben ist und somit wie Oben schon erwähnt, die unterschiedlichsten Kompetenzbereiche von Menschen mit Behinderungen abgedeckt werden können und zusammenarbeiten. Zum Anderen kann ein breit gefächertes Standbein aus den verschiedensten Angeboten ein Unternehmen „krisenfest“ machen, d.h. wenn ein Bereich Verluste hat, können sie durch einen anderen Bereich ausgeglichen werden.

Doch nun noch einmal ein paar Worte zur Druckerei. Zum Einen könnte durch eine eigene Druckerei eine breite und effektive Öffentlichkeitsarbeit betrieben werden, in Form von Flyern, Einladungen und Info- Broschüren. Zum Anderen ist es ein Anliegen der Verfasserin eine Hof- Zeitung herauszubringen, die jedoch nicht nur auf die Mitarbeit an diesem einen Projekt begrenzt werden muss. Der Verfasserin ist aufgefallen, dass in den Zeitungen und Zeitschriften der Vereine, die in dem Sonderpädagogischen und sozialen Sektor arbeiten (Stiftung Alsterdorf und Lebenshilfe) viel über die Arbeit und über die Menschen geschrieben wird, aber wenig bis gar nicht von den Menschen. D.h. man könnte vierzehntägig (wöchentlich wäre zu viel und monatlich könnte m.E. nach in Vergessenheit geraten) eine richtige Zeitung rausbringen, die von Menschen mit Behinderung mit- verfasst wird. Darin könnte es einen Sportteil geben, wo Fußball begeisterte Menschen mit Behinderung über „ihren“ Verein berichten, eine Fan- Ecke, wo über persönliche Stars berichtet werden kann, von Rolf- Zukowski, bis Sha Ruk Khan, eine „Meckerecke“, wo Menschen mit Behinderung loswerden können, was sie im Allgemeinen und im Speziellen stört, eine „Von Mensch zu Mensch Seite“, in der, wie beim Hamburger Abendblatt über die Arbeit und Angebote und Hilfsgesuche verschiedener Menschen berichtet wird und eine Seite der „Guten Nachrichten“, wo jeder zu Wort kommen kann, der etwas Tolles erlebt hat. „Normale“ Zeitungen gewinnen ihre Leserschaft meist nur über die Verbreitung von „Schlechten Nachrichten“.

Jetzt könnte ein Außenstehender denken, nach zwei Ausgaben einer solchen Zeitung haben sich die Themen erledigt, weil Menschen mit Behinderung" nicht so viel denken und daher auch nicht so viel zu sagen haben." Doch das ist ein Vorurteil! Und gerade deswegen und weil Menschen mit Behinderungen viel zu sagen und zu erzählen haben ist m.E. eine solche Zeitung wichtig!

Zudem könnte man, das Einverständnis der Betroffenen vorausgesetzt, Kunstkalender aus den Ergebnissen der Kunsttherapie entwickeln und veröffentlichen, um so auch für erkrankte Menschen eine anonyme Öffentlichkeit herzustellen und so zu ihrer Integration und Akzeptanz innerhalb der Gesellschaft beizutragen.

Und das geschäftliche Know-how?

Im Hamburger Stadtteil Mümmelmannsberg gibt es ein >Dorf der Obdachlosen<. Es haben sich dort Menschen ohne festen Wohnsitz in einem Waldstück bei der Autobahn/ Schnellstrasse? einen Ort für sich erschaffen. Dort lebt z.B. ein Unternehmensberater, der >ganz oben< war und durch einen Burn out nach ganz >unten< durchfiel (Reportage des NDR vom …?). Menschen ohne festen Wohnsitz sind oftmals Menschen, die durch bestimmte innere oder äußere Bedingungen aus ihrem „normalen Leben“ herauskatapultiert wurden, die aber in sich viele Kompetenzen tragen, auch wenn ihre Umwelt sie ihnen nicht (mehr) zugestehen möchte. Wenn man hier z.B. versuchen könnte, diese „verschütteten“ Kompetenzen zu reaktivieren und sie den aktiven Kompetenzen hinzuzufügen, würde weniger „Mensch“ einfach aussortiert, „weggeschmissen“, sondern mit entsprechender Anerkennung verbunden wäre dann vielleicht wieder ein Weg in ein geregeltes Leben möglich.

In New York gibt es Lokal, in dem nur Menschen ohne festen Wohnsitz arbeiten. Sie können dort hingehen, duschen, waschen und all die notwendigen alltäglichen Dinge tun. Sie arbeiten dort wie jeder „normale“ Mensch auch und Abends kehren sie „Heim“, entweder auf die Straße (manche wollen aus bestimmten persönlichen Gründen gar nicht mehr zurück in eine Wohnung) oder in eine Übernachtungsstätte.

Kritiker könnten einwerfen: Aber solche Einrichtungen gab es doch schon, vgl. die Geschichte der Stiftung Alsterdorf. >Jaein<. Zum Einen ist die Verfasserin der festen Überzeugung, dass manche Menschen mit und ohne Behinderung in einer gesellschaftlich immer raueren Wirklichkeit einen gewissen, geschützten Rahmen brauchen und die komplette Auflösung der Stiftung Alsterdorf ggf. eine Überreaktion war auf eine gewandelte Zeit. Auch die „gewandelte Zeit“ sieht die Verfasserin im Umgang mit den Menschen mit Behinderung äußerst kritisch, weil mit der Abschaffung des Schutz- und Schonraumes für Menschen mit Behinderung, auch die Gesellschaft sich selbst entlässt, aus ihrer Verantwortung für Schwächere. Ein Zitat dazu lautet in etwa, dass sich die Höhe einer Zivilisation an dem gesellschaftlichen Umgang mit ihren schwächsten Mitgliedern misst. Wenn ein Professor der Universität Hamburg die Meinung vertritt, dass mit der „richtigen Förderung“ jeder Mensch mit Behinderung wieder Normal wird – es sei denn, die Behinderung ist physischer Natur. Dass jedoch die Sonderpädagogen die „Normalisierung“ verhindern, um ihre Arbeitsplätze zu sichern. Dann sieht die Verfasserin darin die Gefahr, dass der Ist- Zustand des Menschen weder wahr- noch angenommen wird. Dass hinter diesem so fortschrittlichen „Normalisierungsbestreben“ ein äußerst defizitärer Ansatz steckt, der den Menschen vermittelt: „So wie Du jetzt bist, bist Du noch nicht gut- Du musst anders werden, um gut zu sein. Du musst „normal“ werde- wie wir.“ Wenn man jedoch den „Leitsatz“: „Es ist normal verschieden zu sein.“, der zunächst von der Stiftung Alsterdorf und dann auch von der Lebenshilfe als Motto geführt wird, annimmt, dann muss es auch in der heutigen Gesellschaft Orte geben, an denen diese „Verschiedenheit“ gelebt werden kann, geschützte Orte. Wo nicht das Gefühl vermittelt wird: Wenn Du das und das kannst und möglichst unauffällig- also möglichst >normal< bist, dann bist Du gut.“ Sondern wo „unsere“ Menschen auch mit Behinderung das Gefühl haben, von Anfang an gut und „richtig“ zu sein, an- und aufgenommen zu werden, wie sie sind. Der Hof könnte ein Ort sein, wo man nicht „unsere“ Menschen mit Behinderung unter der Auferlegung der angepassten Unauffälligkeit- bis hin zur Selbstverleumdung in die Schablone der „normalen“ Gesellschaft presst, sondern wo die Gesellschaft ihrerseits Eintritt und Einblick erhält in die Welt der Menschen mit Behinderung. Es geht hier also in keinster Weise um Abschottung, sondern sehr wohl um Inklusion, nur vielleicht zur Abwechslung mal anders herum.

 

Das ist mein Grundkonzept

 

Und mein Grundgedanke:

„Man muss das Unmögliche versuchen, um das Mögliche zu erreichen.“

(Hermann Hesse)

 

Hierzwischen liegen 190 Seiten Diplom Arbeit  :-)  ;-)

 

8. Resümee:  Der ICD 10 und die Mäeutik[4] des Sokrates

"Tiere sehen Dich an", so heißt ein Buch von Paul Eippler.[5] "Tiere sehen Dich anders an." So müsste die Quintessenz dieser Arbeit lauten. Sie schauen nicht auf das Äußere, auf den monetären oder intellektuellen Habitus eines Menschen; sie schauen auf sein Wesen. Sie fragen nicht nach dem >Scheinbaren<, sondern nach dem Seienden. Was macht dieses >Sein< aus? Ich bin während dieser Arbeit zu dem Fazit gekommen, dass es zwei Bücher gibt, in denen jeder Mensch vorkommt: Das eine ist die >Bibel<, aus Sicht des Glaubenden, das andere ist der ICD 10, aus der Sicht des Wissenden. Aufgefallen ist mir, dass es den "normalen" und gesunden Menschen, der als Maßstab dienen könnte, nicht gibt, auch wenn sich die Meisten gern dafür halten würden, frei dem Buchtitel: "Jeder ist normal, bis Du ihn kennengelernt hast"[6]. Liest man einmal ernsthaft im ICD 10 nach, so hat jeder Mensch (s)eine Nummer, die zu ihm passt. Da fällt z.B. der regelmäßige Genuss des "Frühstückskaffees" unter die Nr. F.15.0. und die Nummer 42.0ff, die sich auf Zwangshandlungen bezieht, entlarvt jeden als "neurotisch", der bereit ist, sich ernsthaft zu reflektieren und mit sich selbst auseinanderzusetzen. Wer kennt es nicht, dass man vor dem Verlassen des Hauses, bzw. der Wohnung schnell noch einmal nachschaut, ob der Herd aus ist? Und schon ist man Nr. F 42.2: >Zwangsgedanken und -handlungen gemischt<. Ich kenne dieses auch beim Verlassen des Fahrzeuges - schnell werden noch mal die Türen kontrolliert, damit hinterher nicht "zwei Fahrzeuge" dort stehen. Diese nummerische Zuordnung menschlicher Handlungsweisen nach dem ICD 10 ließe sich problemlos weiter ausführen und auf (fast) alle typisch menschlichen Regungen beziehen. Der >menschliche Makel< ist die eigene Unvollkommenheit, die jeder in sich trägt. Doch ist der äußerlich "normal" wirkende Mensch in der Lage, seine Defizite zu überspielen, sich mit ihnen zu arrangieren und sie dadurch vor anderen zu verstecken und zu verheimlichen.[7] Dies mag gerade bei jungen Menschen noch möglich sein, aber je älter wir werden, desto offensichtlicher werden unsere "Defizite". Das Verdecken, Vertuschen und/ oder Überspielen mag bei einigen Defiziten auch noch möglich sein und wenn keiner nachfragt bzw. nachhakt, werden sie zumeist von der Allgemeinheit als "Spleen" oder >Besonderheit< der Person toleriert.

Bei Menschen mit Behinderungen ist dies anders. Ihre Defizite sind oftmals offensichtlich und den betroffenen Personen fehlen die Mittel und Möglichkeiten ihre Defizite zu verschleiern oder auszugleichen.

Aber was gilt als "Defizit"? Und kann ein sogenanntes Defizit nicht auch eine Stärke sein?

Da ist zum einen die Tatsache, dass die meisten Menschen mit intellektuellen Beeinträchtigungen nicht über die Möglichkeit verfügen, sich zu verstellen. Sie sagen gerade heraus, was sie denken, auch wenn es im Augenblick "nicht angebracht" oder "wenig schmeichelhaft" ist. Damit halten sie den vermeintlich "normalen" Menschen einen Spiegel vor: Wie halten wir es mit der Wahrheit und wäre manchmal nicht etwas mehr Mut zu ihr angemessen?

Zum anderen existiert die erfahrbare Tatsache, dass Menschen mit intellektuellem Handicap vielleicht nicht die Sprache des Verstandes beherrschen, aber wesentlich besser als wir "Vernunftwesen" die Sprache des Herzens.

Was also zählt und wer legt fest, worauf es ankommt? Wer entscheidet über die Prioritäten und wie was gewichtet, bzw. gewertet wird? Was gilt als >Behinderung<?

Im bundesdeutschen Recht wird die Behinderung im Sozialgesetzbuch IX (dort: § 2 Abs. 1) folgendermaßen definiert: "Menschen sind behindert, wenn ihre körperliche Funktion, geistige Fähigkeit oder seelische Gesundheit mit hoher Wahrscheinlichkeit länger als sechs Monate von dem für das Lebensalter typischen Zustand abweichen und daher ihre Teilhabe am Leben in der Gesellschaft beeinträchtigt ist. Sie sind von Behinderung bedroht, wenn die Beeinträchtigung zu erwarten ist"

Mein erster Gedanke über die zeitliche Bestimmung der Behinderung lautet: "Ich kann seit mehr als einem halben Jahr nicht kochen. Bin ich jetzt "behindert"?

Anhand dieses Beispiels kann verdeutlicht werden, dass der Mensch über vielfältige Kompensationsmöglichkeiten seiner "menschlichen Makel" verfügt. Wer nicht kochen kann, wird mit Tiefkühl- oder Konservennahrung auch gut durchs Leben kommen.

Es soll hier nicht dazu aufgefordert werden, seine persönlichen Defizite öffentlich zu machen. Ich möchte nur Impulse geben, um einmal "schonungslos offen" über sich selbst nachzudenken und sich zu reflektieren. Ich möchte gedanklich einen Anstoß geben, im fragend-entwickelnden Dialog, im Sinne der Mäeutik nach Sokrates, den Einzelnen zu der Erkenntnis kommen zu lassen, dass weder er noch ein anderer Mensch alles kann und jeder seine "Behinderungen" hat. Jeder von uns hat etwas, dass er - über einen längeren Zeitraum - nicht kann.

Was ist es bei mir/ bei Dir/ bei Ihnen?

Dieses Aufdecken der Person durch Nachfragen findet in der Arbeit mit Tieren in individueller, sensibler Weise und in einem besonders geschützten Rahmen statt, so dass der Einzelne hier keine Angst haben muss sein Gesicht zu verlieren. Er wird gerade durch das Tier und in der Beschäftigung mit ihm in seinem >So- Sein< angenommen. Dies erlöst ihn von dem gesellschaftlichen Druck, anderen etwas vormachen zu müssen oder "Masken seiner Angst vorm Entdeckt werden"[8] tragen zu müssen. Jeder einzelne Mensch ist unendlich wertvoll, völlig unabhängig davon, welche Defizite er hat. Diese ganzheitliche und absolute Annahme bringen Tiere auf ihre eigene Art, dem Menschen ganz direkt spür- und erlebbar entgegen. Dadurch kann der Einzelne vom Tier lernen, sich selbst anzunehmen und wertzuschätzen, so wie er gerade ist.

Wo der Mensch bereit ist, sich seine >Disabilities<[9], zu dt. seine >Behinderungen< einzugestehen, wird er >able</ wird es ihm möglich, seine >Abilities</ seine Möglichkeiten und Kompetenzen zu entdecken. Jeder Mensch hat eine Kompetenz, die ein anderer braucht und jeder Mensch hat in seinem Innersten die Sehnsucht "gebraucht" zu werden, wichtig zu sein, sinnhaft zu leben.

Letztendlich wird der Mensch erst durch dieses ureigenste, individuelle Geflecht aus Grenzen und Möglichkeiten einzigartig, unverwechselbar. Diese Zusammenschau von Schwächen und Stärken lässt jedes Individuum zu etwas ganz Besonderem werden. Nur durch die eigene Gewahrwerdung und Achtung seiner Fähigkeiten und Defizite kann ein Mensch in einem weiteren Schritt zum Mitmensch werden und menschlich bleiben. So kann das Bewusstsein um die eigenen Defizite einen Menschen für sich und andere sensibilisieren und ihm soziale Kompetenz verleihen, die er anwenden kann.

Defizite sind also nicht zwangsläufig >defizitär<, im Gegenteil, sie können uns den Weg eröffnen, vom >Ich< zum >Du< zum >Wir<.[10]

Wenn wir uns bewusst sind, dass wir über Grenzen und Möglichkeiten verfügen, können wir auch mit anderen empathischer umgehen, sie in ihrem So-Sein zulassen, anstatt sie zu werten und ggf. abzulehnen. Das bedeutet im Denken vom Menschen, aber auch in der Selbstreflektion, grundsätzlich umzukehren von der >Defizitorientierung< zur >Kompetenzorientierung<.

Bei einer an den Kompetenzen orientierten Selbstanalyse und Selbstentwicklung kann das Tier durch seine dem Menschen immer zugewandte Art und Weise, zu einem wichtigen, wenn nicht dem zentralen "Entwicklungshelfer" seiner Selbst werden. Zugleich ergänzt es ihn und hilft ihm dabei, sich >ganz< zu fühlen. Das Pferd leiht dem Menschen, der ggf. nicht laufen kann, seine Beine und verleiht ihm auf seinem Rücken >Flügel<. Der Hund vermittelt der noch so depressiven Person Freude und Zuversicht und die Katze entführt mit ihrem ruhigen Schnurren den einzelnen aus der Hektik seines Alltags. Damit können Tiere durch ihr feines Gespür für Menschen genau dort ausgleichen, wo eigene und ganz individuelle Bedürfnisse und/ oder Defizite bestehen.

In der Begegnung mit Tieren kann auch das Unausgesprochene, Unaussprechliche und manches Unbewusste thematisiert werden, ohne "Druck" von außen, ohne den "sichtbaren Mangel" und ohne Therapiebedürftigkeit. Tiere werten und vergleichen nicht. Für sie ist jeder Mensch >vollkommen<. Ihre Zuwendung kann daher aus Menschen, die innerlich manches an sich ablehnen oder am liebsten abspalten würden, ganzheitlich liebenswerte Geschöpfe/ Wesen machen. Das Zutrauen des Tieres in den Menschen lässt den einzelnen über sich selbst hinauswachsen, macht ihm Mut und schenkt ihm Motivation, sich entsprechend zu verhalten, und zu dem zu entwickeln, den das Tier bereits in ihm sieht - ein soziales Wesen, ein >Nehmer< und >Geber< zugleich.

Zum Schluss möchte ich hier noch einen letzten Gedanken über ein altes Wort einfügen, der mir in der Arbeit mit Menschen mit Behinderungen und oder psychischen Erkrankungen wichtig geworden ist, über die >Demut<. Nicht nur, dass wir alle unsere "Behinderungen" und "Neurosen" haben - es kann auch jeden von uns jederzeit treffen, dass uns etwas begegnet, das uns aus der Bahn wirft - körperlich, seelisch oder intellektuell. Da ist z.B. ein Mann, Herr H.W., der ein Auto hatte, Führerschein, eine Arbeit, alles ganz "normal" und dann bekam er eine Hirnhautentzündung. Heute wird er von der Lebenshilfe Landesverband Hamburg e.V. betreut, musste Führerschein und Auto abgeben und arbeitet in einer Werkstatt für Menschen mit Behinderungen (WfbM[11]).

Solche Biographien machen deutlich: Wir haben uns selbst nicht in der Hand und wir sind daher auch nur bedingt in der Lage "unseres Glückes Schmied" zu sein. Dieses Bewusstsein kann zu >Demut<[12] führen. Es hat mich auf den Gedanken gebracht, dass ich meine Gesundheit zwar fördern, aber mir nicht >verdienen< kann. Ich habe meine scheinbare "Normalität" genauso wenig >verdient<, wie ein Mensch mit Behinderung sein Handicap. Von daher sitzen wir alle in einem Boot und sollten uns nicht übereinander erheben. >Demut< kommt vom Dienen. Jeder Mensch kann etwas, das ein anderer nicht so gut kann und durch diese individuelle Fähigkeit kann er einem anderen Menschen dienen und dessen Leben durch und mit seinen Gaben bereichern.

Diese >Demut<, im Sinne des einander Dienens, können wir von Tieren lernen. Sie würden für ihren Menschen (fast) alles tun. Im Verhältnis gegenüber Tieren verpflichtet ihr Dienen, ihre "Demut" uns zu Fürsorge und Verantwortung, dem Menschen gegenüber zur Selbstreflexion. Dennoch vergisst das Tier nicht, auch nach seinen eigenen Bedürfnissen zu leben. Diese Achtung, "Demut" auch gegenüber sich selbst, ist gerade in den helfenden Berufen besonders wichtig.

Die Demut entlässt uns jedoch aus dem inneren Zwang, jemand sein zu müssen, "perfekt" sein zu müssen, unserem Ego dienen zu müssen. Sie verhilft uns zu einer gesunden Distanz gegenüber uns selbst und sie lässt echte Hinwendung zum Anderen zu. Diese Annehmen des eigenen und des anderen in aller Eigenheit und trotz allem "Unperfekten", können wir gerade in der Beziehung und Beschäftigung mit Tieren lernen. Sie sehen uns >anders< an, als wir es normalerweise gewohnt sind und stellen uns damit in Frage. Gerade das Tier stellt uns mit seiner vorbehaltlosen Zuwendung die existenzielle Frage nach dem, was wirklich >zählt<.

Wenn wir nicht unserem eigenen Hochmut und unserem auch typisch menschlichen Geltungsstreben dienen, sondern einander in Liebe, dann sind wir wirklich frei.[13]

Diese Freiheit kann unsere Sehnsucht nach >Echtheit< und Authentizität im Leben stillen.

Durch diese Befreiung von Ängsten und manchem Zwang zum Perfektionismus können wir einander in allen Bereichen des Lebens als Mitmensch liebevoll - annehmend begegnen, denn:

 

"Pflichtbewusstsein ohne Liebe macht verdrießlich
Verantwortung ohne Liebe macht rücksichtslos
Gerechtigkeit ohne Liebe macht hart
Wahrhaftigkeit ohne Liebe macht kritiksüchtig

Erziehung ohne Liebe macht widerspruchsvoll
Klugheit ohne Liebe macht betrügerisch
Freundlichkeit ohne Liebe macht heuchlerisch
Ordnung ohne Liebe macht kleinlich
Sachkenntnis ohne Liebe macht rechthaberisch
Macht ohne Liebe macht grausam
Ehre ohne Liebe macht hochmütig
Besitz ohne Liebe macht geizig
Glaube ohne Liebe macht fanatisch


Leben ohne Liebe ist sinnlos - Leben in Liebe aber göttlich."

(Dieses Zitat wird Laotse zugeschrieben)

 

So ist auch diese Arbeit nicht perfekt. Sie ist das ureigenste Produkt eines unperfekten Menschen, der seine eigene Gewichtung, seine praktischen Erfahrungen und seine eigenen Prioritäten vertritt, um das wissenschaftliche Denken mit seiner individuellen Zusammenschau von Wissenschaft und Philosophie zu ergänzen.



[1] de Saint-Exupery; Düsseldorf 2002

 

[2] So ein >Wunschbaum< im Sinne der jüdischen Tradition steht im jüdischen Museum in Berlin; Jüdisches Museum Berlin; Lindenstraße 9-14, 10969 Berlin; infog7HoP4XgM3SfG8XvG5YzA8LpM4sXjmberlin.de

[3] Vgl.: Stichwort: >Lärmverschutzung<; z.B.: Zit.:  http://www.daserste.de/wwiewissen/beitrag_dyn~uid,bpf1p21htqcsct6b~cm.asp vom 08.09.2004; Stand: 24.09.2011: „Viele Menschen leiden massiv unter zunehmenden Lärm und Krach, vor allem in den Großstädten. Europaweit soll die Lärmverschmutzung nun per Gesetz bekämpft werden. Als erster Schritt sollen "Lärmstadtpläne" der europäischen Großstädte erstellt werden. (…)Auf einer neuartigen Karte – einem "Lärmstadtplan" - ist farbig abgestuft der Dauerkrach an den Hausfassaden und auf den Straßen verzeichnet. Yann Francoise, Ingenieur bei der Pariser Umweltbehörde, erklärt die Besonderheiten der Karte: "Zum ersten Mal können wir die Auswirkungen des Straßenlärms Haus für Haus genau erkennen. So haben wir festgestellt, dass über sieben Prozent der Bevölkerung einer Belastung von über 70 Dezibel ausgesetzt sind." (…)Wer unter solchen Bedingungen wohnt, bei dem Dauerkrach, steht unter Dauerstress, seine Gesundheit ist stark gefährdet: Schlaf- und Konzentrationsstörungen, Nervosität und erhöhte Gefahr, einen Herzinfarkt zu bekommen. (…)"Die größte Schwierigkeit war die dichte Besiedlung und die vielen Hochhäuser in Paris. Normalerweise werden die Lärmmessungen auf freien Flächen, in Gartenanlagen durchgeführt, wo man die Ausbreitung der Schallwellen gut messen kann. Das funktioniert hier jedoch so nicht. Denn hier reflektieren die Fassaden den Schall wie ein Echo, ein Jo-Jo-Effekt entsteht", so Francoise.“ (Autorin: Natascha Geier)

[4] Mäeutik ist die gängige latinisierte Form des aus dem Altgriechischen stammenden metaphorischen Begriffs Maieutik (μαιευτική maieutikḗ [téchnē] „Hebammenkunst“). Es handelt sich um ein auf den griechischen Philosophen Sokrates zurückgeführtes didaktisches Vorgehen, das Sokrates der Überlieferung zufolge mit der Tätigkeit einer >Hebamme< verglichen hat. Gemeint ist, dass man einer Person zu einer Erkenntnis verhilft, indem man sie durch geeignete Fragen dazu veranlasst, den betreffenden Sachverhalt selbst herauszufinden und so die Einsicht zu „gebären“. Den Gegensatz dazu bildet Unterricht, in dem der Lehrer den Schülern den Stoff dozierend mitteilt. „Sokrates, der Lehrer, tritt regelmäßig als Schüler auf. Nicht er will andere belehren, sondern von ihnen belehrt werden. Er ist der Unwissende, seine Philosophie tritt auf in der Gestalt des Nichtwissens. Umgekehrt bringt er seine Gesprächspartner in die Position des Wissenden. Das schmeichelt den meisten und provoziert sie, ihr vermeintliches Wissen auszubreiten. Erst im konsequenten Nachfragen stellt sich heraus, dass sie selbst die Unwissenden sind.“ Nach dieser Verunsicherung forderte Sokrates seinen Gesprächspartner zum Umdenken auf. Er lenkte das Gespräch unter Anknüpfung an den Erörterungsgegenstand – sei es z.B. Tapferkeit, Besonnenheit, Gerechtigkeit oder Tugend überhaupt – hin auf die Frageebene, was das Wesentliche am Menschen sei. Pleger zufolge umfasst der sokratische Dialog also stets die drei Momente der Prüfung des Anderen, der Selbstprüfung und der Sachprüfung. Sofern die Gesprächspartner den Dialog nicht bereits vorher abgebrochen hatten, kamen sie zu der Erkenntnis, dass die Seele als das eigentliche Selbst des Menschen so gut wie nur möglich sein müsse. Dies hänge davon ab, in welchem Maße der Mensch das sittlich Gute tue. Was das Gute ist, gilt es also herauszufinden. Zu den Kernbereichen Sokratischen Philosophierens gehören neben dem auf Dialoge gegründeten Erkenntnisstreben die näherungsweise Bestimmung des Guten als Handlungsrichtschnur und das Ringen um Selbsterkenntnis als wesentliche Voraussetzung eines gelingenden Daseins. Vgl.: Pleger, Wolfgang H.: Reinbek 1998, S. 178ff

 

[5] Eipper, Paul; Frankfurt/M. 1955

 

[6] Zit.: Ortberg, John; Asslar 2004

 

[7] "Jeder Mensch macht Fehler. Das Kunststück liegt darin, sie dann zu machen, wenn keiner zuschaut."Zit.: Sir Peter Ustinov

[8] "Das Tragische an Masken ist, dass wir sie tragen, um andere Menschen dazu zu bringen, positiv über uns zu denken, aber andere finden uns nur dann anziehend, wenn wir die Masken abnehmen." Zit. Ortberg; Asslar 2004; S.98

[9] A disability may be physical, cognitive, mental, sensory, emotional, developmental or some combination of these. "Disabilities is an umbrella term, covering impairments, activity limitations, and participation restrictions. An impairment is a problem in body function or structure; an activity limitation is a difficulty encountered by an individual in executing a task or action; while a participation restriction is a problem experienced by an individual in involvement in life situations. Thus disability is a complex phenomenon, reflecting an interaction between features of a person’s body and features of the society in which he or she lives".

—World Health Organization

 

[10] William Ewart Gladstone: "Kein Mensch brachte es jemals zu Größe und Güte anders, als durch viele und große Fehler."

 

[11] Werkstatt für Menschen mit Behinderungen

 

[12] Vgl.: Kant: „Das Bewusstsein und Gefühl der Geringfähigkeit seines moralischen Werts in Vergleichung mit dem Gesetz ist die Demut (humilitas moralis) (Metaphysik der Sitten)“ zitiert nach Regenbogen/Meyer, Wörterbuch der philosophischen Begriffe (2005)

[13] „Solange jemand sein Ich nicht unter seine Füße gesetzt hat, ist er nicht frei.“ Papst Johannes XXIII., aus: Bühlmann, Johannes XXIII., 3. Aufl. [2000], S. 75